Das Lernen von Bewegungen stellt Lehrende und Lernende vor ganz andere Herausforderungen als etwas das Erreichen kognitiver Lernziele, denn in diesem Lernbereich ist der Körper beteiligt, weshalb man in der Ausbildungslehre auch vom „psychomotorischen“ Lernbereich spricht. Egal in welchem meiner beruflichen und privaten Felder ich in den vergangenen 20 Jahren in diesem Lernbereich unterrichtet, ausgebildet oder Training gegeben habe, so gab es doch immer ein großes Problem, welches in der Mehrheit bei den Lernenden zu finden war und bei Lehrenden, die keine fachliche Ausbildung im Lehren von Bewegungen hatten. Es ist der Wunsch nach Geschwindigkeit. Geschwindigkeit in der Ausführung der Bewegung aber auch im Erreichen der Lernziele. Ein Problem, welches ich bereits als einfacher Soldat in meiner eigenen Ausbildung kennenlernte, welches dort aber schon lange bekannt war und mit dem Merksatz „Langsam ist flüssig und flüssig ist schnell“ bekämpft wird, welcher jeden Soldaten und Ausbilder stets daran erinnern soll, das Bewegungslernen genau so funktioniert. Als langjähriger Ausbilder, Sportausbilder, Fechtlehrer und Leistungssportler kann ich dies aus meiner Erfahrung und meinem Fachwissen aus meinen Fachausbildungen nur bestätigen. Was steckt also genau hinter dem Merksatz?
Der Merksatz „Langsam ist flüssig und flüssig ist schnell“ verbindet sich mit der Maßgabe, dass eine Bewegung erst langsam eingeübt werden muss, bis ein hoher Grad an Koordination und Fehlerfreiheit erreicht ist, was sich durch das Adjektiv „flüssig“ ausdrückt. Eine Bewegung ist flüssig, wenn sie ohne Unterbrechungen und Fehlerfrei ausgeführt wird. Sobald dies erreicht ist, kann der Lernende ohne größere Hindernisse diese Bewegung auch zunehmend schnell ausführen, da er nicht mehr durch Pausen, Hindernisse oder Fehler beeinflusst wird. Ein Konzept, dass sich über Generationen bewährt hat und für viele Ausbilder eher auf Beobachtung und Erfahrung beruht. Ich selbst bin mit diesem Merksatz als einfacher Soldat 2005 erstmals bei der Waffen- und Schießausbildung in Kontakt gekommen. Komplizierte Bewegungsabläufe, wie etwa das Zerlegen und zusammensetzen von Waffen, einnehmen von Positionen mit der Waffe, taktische Bewegungsmuster etc. wurden in kleine Abschnitte zerlegt, welche es zuerst einzeln und nacheinander zu üben galt, langsam und dann nacheinander flüssiger, sobald die einzelnen Abschnitte gut funktioniert haben. Sobald auch alle Teilbewegungen oder Abschnitte zusammen flüssig ausgeführt werden konnten, wurde nach und nach die Geschwindigkeit erhöht und die Rahmenbedingungen erschwert bis hin zu Wettkampfformen. Aus Langsam in Teilbewegungen, wurde langsam und flüssig in der Gesamtbewegung und schließlich war schnell gar kein Problem mehr und konnte zunehmend gesteigert werden. Der Merksatz half schließlich, sich im Rahmen der langwierigen Ausbildungsabschnitte immer wieder bewusst zu werden, dass dieser Ablauf einen am Ende schneller zum Ziel führt. Eine Erfahrung, die mich in meiner gesamten militärischen und sportlichen Ausbildung fortan begleiten sollte und zu besten Erfolgen bei mir und meinen eigenen Soldaten, Lernenden, Sportlern, Fechtern führte. Mit meinen anschließend zunehmenden Aus- und Weiterbildungen zum Ausbilder, Lehroffizier, Coach, Sportausbilder etc. konnte ich zunehmend auch verstehen, worauf dieser Effekt basierte.
Wie eingangs erwähnt, ist der große Unterschied zwischen kognitiven Lernzielen und psychomotorischen eben die Beteiligung des Körpers. Während wir kognitiv in unserem „Kopf“ bleiben und alles durch Arbeit der Gedanken schaffen können, muss unser Gehirn lernen die Bewegung zu steuern. Wir denken also eine Bewegung und unser Körper soll dieses dann ausführen. Und schnell stellen wir eventuell fest „das geht irgendwie nicht!“ oder es ist schwer diese auszuführen. Um dies zu verstehen, muss man sich den Prozess vereinfacht vorstellen. Wir sehen also eine Bewegung, welche uns z.B. ein Lehrer vormacht und erklärt, bekommen ein Verständnis davon. Über unsere Vorstellung leiten wir über Nervenstränge Signale an unsere Körperteile bzw. Muskeln, die entsprechend anzuspannen und zu entspannen, um die vorgestellte Bewegung auszuführen. Und hier kommt das Problem. Das Gehirn soll eventuell eine Signal an ein Ziel senden, dass es noch gar nicht kennt und einen Pfad dorthin finden. Einen Pfad, der noch gar nicht gebaut ist. Als würde ein Händler Mittelalter mit seinem Pferdekarren durch einen Wald fahren wollen, wo noch kein Weg ist. Er muss also den Weg und das Ziel selber finden. Je öfter er dies Reise durch den Wald macht, um so mehr baut sich der Weg aus und um so schneller und effizienter kann er sein Ziel erreichen. So kann man sich das auch mit der Bewegungssteuerung vorstellen. Wenn ihr eine Bewegung noch nie ausgeführt habt, muss der Pfad erst gefunden werden und durch Übung der Bewegung, wird der Pfad immer mehr ausgebaut. Die Nervenbahnen werden verstärkt die Informationen effizienter und vor allem wird auch intramuskuläre Koordination besser, wodurch schließlich auch ein effizienteres Bewegen stattfindet, was man zum Beispiel oft mit Lockerheit oder Eleganz verbindet. Der Lehrer, welcher die Übung vormacht, hat bereits Lockerheit, Perfektion und Eleganz entwickelt und gibt euch damit ein Ziel vor, welches ihr erst nach langer Zeit erreichen könnte.
Und hier kommt jetzt die Idee des Merksatzes zunehmend zum Tragen, warum es also Sinn macht eine Bewegung langsam und koordiniert zu üben. Wenn ihr eine Bewegung steuert, sendet euer Gehirn Informationen an eure Muskeln und bekommt Feedback, also eine Kontrolle über die korrekte Ausführung. Die Geschwindigkeit des Datenflusses könnt ihr euch dabei konstant vorstellen. Je schneller ihr die Bewegung, welche ihr am Anfang eventuell noch nie ausgeführt habt, nun ausführen wollt, umso weniger Daten können in dieser Zeit fließen. Je langsamer ihr die Bewegung macht, um so mehr Daten können fließen. Ihr könnt die Bewegung also besser erlernen, den Pfad besser ausbauen, wenn ihr die Bewegung langsamer ausführt, da euer Gehirn mehr Daten sammeln kann und sich dadurch der Pfad zwischen Gehirn und Muskeln schneller verfestigt, wodurch die Bewegungskoordination schneller gelingt. Und dies sind hier wohl die wichtigsten Schlagworte, nämlich Bewegungskoordination, intramuskuläre Koordination und Bewegungssteuerung. Draus erklärt sich dann auch, warum man die Bewegung anschließend flüssiger und schneller ausführen kann, als wenn man sie schnell machen will. Flüssig, weil die Muskeln besser zusammenspielen und schnell, weil der Pfad optimal ausgebaut ist und die Koordination weniger Fehler beinhaltet. Studien zu intramuskulären Koordination zeigen, wie die Muskelkontraktionen zunehmend effizienter werden, also die verschiedenen beteiligten Muskeln viel weniger aber dafür zeitlich perfekt geschaltet genutzt werden, was zu oben besagter, äußerlich sichtbarer Eleganz und Lockerheit führt. Aus Langsam wir flüssig und aus flüssig wird
Das Lehren von Bewegungen ist so alt wie der Mensch und hat eine ununterbrochene Tradition. Was sich in Fachbüchern, auch älteren Fechtbüchern, immer wieder findet, ist auch hier in der Methodik die oben aufgezeigte Strategie im Lernen. Heut spricht man dabei von den drei Phasen
1. Grobkoordination
2. Feinkoordination
3. Feinstkoordination

In der Ausbildungslehre unterscheide man die 5 psychomotorischen Lernzielstufen
1. Nachmachen
2. Ausführen
3. Anwenden
4. Gewandtheit
5. Beherrschen

Vorweg sei kurz gesagt, dass es viele methodische Unterschiede gibt, je nachdem, ob es sich um eine einzelne Bewegung, Bewegungsabläufe, Techniken oder gar Abläufe mit einem Partner handelt. Auf all diese Feinheiten kann ich hier nicht eingehen und verweise auf die Möglichkeit mit mir in Kontakt zu treten. Ohne hier also zu sehr in die vielen methodischen Möglichkeiten auszuschweifen, empfehle ich folgendes grobes Vorgehen am Beispiel einzelner Bewegungen, Bewegungsfolgen, die solo erlernt werden sollen.
1. Zerlege die Technik in Teilbewegungen
2. Übe/lehre jede Teilbewegung. Achte darauf, das jede Teilbewegung aus Bewegungsphasen besteht (Vorbereitungsphase, Hauptphase und Endphase(oder Übergangsphase in die nächste Teilbewegung). Schaffe daher Kopplungspunkte, um die jeweiligen Anfangs- und Endpunkte der Phasen zu verstehen und zu fühle. Indem man eine Bewegung z.B. in 2 oder 3 Zeiten zerlegt.
3. Übe in den Phasen Teilbewegung 1, dann 1 und 2, dann 1,2 und 3 und so weiter.
4. Übe die flüssige Ausführung der Technik
5. Sobald die Bewegung flüssig und fehlerfrei ist, kann an der Leistung (z.B. Geschwindigkeit) gearbeitet werden, indem ihr entsprechende Übungen auch kompetitiver Natur gestaltet.
6. Varianten der Bewegung einführen (unterschiedliche Ziele, Ausgangspostionen, Beinarbeiten etc.)
Dieses Arbeiten sichert dir, dass der "Pfad" langsam, strukturiert und erfolgreich ausgebaut wird. Wichtig ist, dass ihr immer erst dann zum nächsten Schritt übergeht, wenn das Ziel des vorigen Schritts auch erreicht ist. Und denkt daran, methodische Vielfalt in einem Verhältnis zum Erfolg zu setzen. Es braucht eine gewisse Zahl an Wiederholungen, um besser zu werden. Also wechselt nicht bereits nach 10 Wiederholungen, wie etwa beim Fitnesstraining zur nächsten Übung. Macht lieber Pausen. Arbeitet bei Häuen zum Beispiel in paaren, wo einer das Ziel gibt und sich ausruht und der andere den Hau übt. So kann mehrfach gewechselt werden und es ist abwechslungsreicher. Ihr werdet sehen, die Zeit vergeht leider wie im Flug. Und es ist besser, sie zielführend zu nutzen, als zig Methoden oder Übung zu machen, nur weil man wieder mal eine tolle Idee für eine Übung hatte. Hier gilt das "Primat der Didaktik"! Aber dazu mehr an anderer Stelle.
Ich habe zur einfachen Darlegung gezielt eine didaktisch reduzierte Darstellung genutzt. Es zeigt sich, dass der Merksatz „Langsam ist flüssig und flüssig ist schnell“ auf Erfahrungswerten beruht und dem aktuellen Forschungsstand der Bewegungslehre entspricht. Als Rückschluss für Training und Lehre möchte ich daher jedem, der sein Training verbessern möchte, dazu raten, diesen Merksatz zu verinnerlichen und nach ihm zu handeln. Egal welche Unterrichtsmethoden ihr in eurer didaktischen Analyse für euren Unterricht zu nutzen plant, wenn ihr eine neue Bewegung unterrichtet, wählt die Methode weise aus, sodass eure Schüler einen optimalen Lernprozess haben. Vergesst dabei nicht, dass es eine große Motivation ist, wenn etwas klappt und sich Erfolg einstellt. Lernen beginnt immer mit Zielen nach dem Primat der Didaktik und das Erreichen der Ziele ist für die meisten Menschen eine tolles Erlebnis. Wer also eine Bewegung lernt und ein Erfolgserlebnis hat, wir stets besser motiviert sein. Also "step by step" vorgehen! Am besten nach der Methode "VENÜ". Aber dazu mehr an anderer Stelle.
"Langsam ist flüssig und flüssig ist schnell."
PS: In meiner Trainerausbildung sind Didaktik und Methodik, Ausbildungslehre und Bewegungslehre zentrale Ausbildungsinhalte. Wenn ihr eine Schulung zu diesen Themen wünscht, dann kommt gern auf mich zu. Ich gebe auch Online-Coachings via Zoom und Teams.